Dysfunktionale Teams: Anatomie und Heilung

Ein dysfunktionales Team ist kein Schicksal, sondern ein Systemfehler! Der Weg zur Heilung ist schmerzhaft, aber alternativlos. Wie Sie diesen bestreiten, zeigen wir Ihnen gerne.

Die Leistungsstärke, Zukunftsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit einer Organisation beruhen auf der Stärke ihrer Elemente und ihrem effizienten Zusammenspiel. In der modernen Arbeitswelt gilt das Team als die ultimative Leistungseinheit. Während funktionale Teams synergetisch über sich hinauswachsen, können dysfunktionale Teams die Wertschöpfungskette ganzer Organisationen lähmen und enorme Kosten verursachen.

Dysfunktionale Teams entfalten oftmals nachhaltig negative Strahlkraft bspw. in der Kundenwahrnehmung der Gesamtorganisation. Sie verbrennen Talente und treiben Knowhow-Träger in die Flucht. Daher befinden sie sich in aller Regel in einer Abwärtsspirale. Doch diese kann durchbrochen werden.

Auf der Erfahrung von über 400 Kundenprojekten im Feld der Organisationsentwicklung mit mittlerweile weit über 200.000 Mitarbeitenden analysiere ich in diesem Artikel die Symptome, schildere die Auswirkungen, liefere Praxisbeispiele, einen Realitätscheck und zeige zielführende Maßnahmen auf.

Dysfunktionale Teams

Definitionen

  • „Team“ – Zusammenschluss von mindestens zwei Personen, die in differenzierten Rollen kooperativ zusammenarbeiten (sollten), um organisationsrelevante Aufgaben zu erfüllen und gemeinsam Ziele zu erreichen. Zwischen den Mitgliedern besteht eine hohe funktionale Abhängigkeit.
  • „dysfunktional“ – einer Funktion, Aufgabe, Wirkung o. Ä. abträglich.

Drei essenzielle Fakten vorneweg

  1. Ein dysfunktionales Team zu heilen, ist kein Sprint, sondern eine Operation am offenen Herzen der Team- und Führungskultur (ggf. der Unternehmenskultur).
  2. Die Heilung beginnt mit der fundierten Diagnose und der radikalen Ehrlichkeit aller Parteien, die Symptome beim Namen zu nennen. (Wird dieser Schritt nicht von den nächsthöheren Ebenen gefördert und gefordert, ist dies ein klares Zeichen für die Dysfunktionalität der übergeordneten Einheit.)
  3. Dysfunktionale Teams heilen sich niemals aus sich heraus, denn sie sind in allen Fällen das Ergebnis jahrelanger Fehlentwicklungen interdependenter Faktoren.

Dysfunktionale Teams

1. Die Pyramide des Scheiterns

Das bekannteste Modell zur Analyse von Team-Dysfunktionen stammt von Lencioni. Er beschreibt fünf aufeinander aufbauende Ebenen, die ein Team und seine Leistung korrodieren lassen. Basierend auf diesem Modell skizziere ich die Kernmerkmale der Dysfunktionen und gebe praktische Beispiele.

Dysfunktion Merkmal Praxisbeispiel
Fehlendes Vertrauen Teammitglieder verbergen Fehler, zeigen Verbesserungspotenziale nicht auf, bringen Ideen nicht ein. In einem Team gibt niemand zu, dass er mit einer neuen Technologie überfordert ist, bis die Deadline platzt.
Angst vor Konflikten Künstliche Harmonie dominiert; wichtige Themen werden nicht angesprochen. In Meetings nicken alle, aber in der Kaffeeküche wird über die „unmögliche Entscheidung“ der Führungskraft gelästert.
Mangelndes Commitment Entscheidungen werden nicht mitgetragen (Pseudo-Konsens). Ein Projektplan wird verabschiedet, aber die Teammitglieder priorisieren weiterhin ihre eigene individuelle Agenda.
Vermeidung von Verantwortlichkeit Man scheut sich, Kollegen auf Fehlverhalten oder Minderleistung hinzuweisen.
Man scheut sich aktiv Verantwortung zu übernehmen.
Ein Vertriebler erreicht seine Ziele nicht, aber das Team schweigt, um die „gute Stimmung“ nicht zu gefährden.
Ego vor Resultat Persönlicher Status ist wichtiger
als der Teamerfolg.
Ein Marketingleiter feiert seine Reichweite, während das Produkt am Markt komplett vorbeigeschossen ist.

2. Die Pathologie anhand der Teamphasen

Dysfunktionale Teams entstehen nicht über Nacht. Schauen wir auf die 5 Phasen der Teamentwicklung nach Tuckman und wie Pathologien der Zusammenarbeit entstehen. Natürlich ist diese Aufspaltung der Phasen eine theoretisch-künstliche, vereinfacht aber die sachlogische Betrachtung.

A. Forming (Orientierungsphase)

Was passiert? Man beschnuppert sich. Die Interaktionen sind höflich, vorsichtig und etwas distanziert. Jeder versucht, seine Rolle zu finden, während die Unsicherheit groß ist.

Worauf liegt der Fokus? Sicherheit und Akzeptanz.

Was ist das Krankheitsbild: Der „Pseudo-Konsens“. Wenn die Unsicherheit zu groß ist, traut sich niemand, kritische Fragen zu stellen. Das Team bleibt oberflächlich. Es entsteht keine psychologische Sicherheit. Das Team baut auf Sand.

B. Storming (Konfliktphase)

Was passiert? Die „Flitterwochen“ sind vorbei. Erste Machtkämpfe entstehen, Kompetenzen werden infrage gestellt und unterschiedliche Arbeitsstile prallen aufeinander. Es knirscht im Gebälk. Diese Phase ist notwendig. Teams, die Konflikte unter den Teppich kehren, erreichen selten die volle Leistungsfähigkeit.

Worauf liegt der Fokus? Abgrenzung und Rollenklärung.

Pathologie dysfunktionaler Teams: Die „Eskalationsfalle“ oder „Konfliktvermeidung“. Entweder werden Konflikte so persönlich und toxisch, dass die psychologische Sicherheit zerstört wird, oder – was oft schlimmer ist – sie werden unterdrückt. Ein Team, das nie konstruktiv streitet, wird nie echte Normen und effiziente Strukturen entwickeln.

Ein Team ohne Konflikte ist bereits tot oder hochgradig gefährdet

Wir müssen hier differenzieren. Aufgabenbezogene Konflikte (Fokus: Inhalte, Ziele, Strategien, Wege zur Lösung) sind i.d.R. positiv, denn sie erhöhen die Qualität der Entscheidungen und fördern den Fortschritt. Beziehungsorientierte Konflikte ziehen Energie ab, zerstören Vertrauen und mindern die Leistung.

Ein gesunder Konflikt zwingt Führungskraft und Team dazu Annahmen zu hinterfragen, alternative Lösungswege zu prüfen und Risiken realistischer einzuschätzen – ohne Konflikt kein Fortschritt. Konflikte wirken wie ein Qualitätssicherungssystem.

Durch den Diskurs entsteht eine höhere kognitive Komplexität. Das Ergebnis ist oft eine Synthese, die besser ist als die ursprünglichen Einzelvorschläge. Konflikte haben zudem eine ventilartige Funktion. Wenn kleine Unstimmigkeiten sofort (konstruktiv und professionell) ausgefochten werden, verhindert das, dass sich unter der Oberfläche ein riesiger emotionaler Druck aufbaut.

Das Problem pseudo-hoch-kohäsiver Systeme

Kohäsion, sprich das Wir-Gefühl, der innere Zusammenhalt und die hohe Bindungskräfte zeichnen erfolgreiche Führungskräfte und ihre Teams aus. In pseudo-hoch-kohäsiven Teams bestätigt man sich nur noch gegenseitig, um die Harmonie nicht zu gefährden. Kritik wird unterdrückt bzw. nicht offen angesprochen.

Blicken wir als Beispiel auf den öffentlichen Dienst. Die Arbeit im öffentlichen Dienst bietet enorme Sicherheit, aber genau diese Strukturen bringen Ineffizienzen und Veränderungsresistenz mit sich. Behörden und ihre Mitarbeitenden sind auf Beständigkeit ausgelegt. Das Besoldungssystem basiert primär auf dem Lebenszeitprinzip und der Erfahrungsstufe – ein stetiger Fluss. Man arbeitet oft über Jahrzehnte mit denselben Kollegen zusammen. Man begegnet sich im Laufe der Jahrzehnte (in anderen Rollen bspw. beim Wechsel in andere Fachbereiche) nicht zweimal, sondern mindestens zehnmal. Reibungspunkte und die offene Ansprache von Problemen implizieren die Gefahr, dass das eigene Fortkommen (ggf. Jahre später) behindert wird. Tu Du mir nichts, ich tue Dir nichts – hält das System an der Oberfläche zusammen. Die Arbeit wird zum politischen Taktieren, hinter dem Rücken agieren und Kopf unten halten.

Pseudo-Kohäsion ist ein Killer für Leistung und Effizienz und führt immer zu adverser Selektion, d.h. hier dem Rückzug hochwertiger Mitarbeiter.

C. Norming (Organisationsphase)

Was passiert in funktionalen Teams? Der Staub legt sich. Führungskraft und Team einigen sich auf Spielregeln, Kommunikationswege und gemeinsame Werte. Man entwickelt ein Wir-Gefühl. Der Fokus liegt auf Kooperation und Struktur.

Wie ist die Pathologie dysfunktionaler Teams? Die (vermeintliche) Harmonie bleibt wichtiger als das Ergebnis. Man schottet sich gegen Kritik von außen ab. Abweichler werden bestraft. Die Regeln werden entweder starr und ersticken Innovation oder eine Normierung findet nicht statt. D.h. die Organisationsphase wird faktisch gar nicht erreicht. Es gibt Teams die jahrelang bestehen, ohne je die Normierungs- oder gar Leistungsphase erreicht zu haben. Die Erklärung der Führungskraft für fehlende Leistung des Teams lautet in 99,5 von 100 Fällen: Uns fehlt Personal.

Eine Standardisierung von Prozessen und deren Dokumentation findet nicht statt, eine Best-Practice wird nicht abgeleitet. Handlungssicherheit für die Mitarbeitenden ist auch aufgrund fehlender Vorgaben oder konsistenter Anweisungen von Seiten der Führungskraft nicht gegeben. Die psychische Belastung am Arbeitsplatz ist hoch. Ergebnisse werden – wenn überhaupt – nur zeitverzögert und mit hohem Aufwand erzielt, da eine fehlende Rahmung zu extrem hohen Abstimmungsaufwänden führt. Mitarbeitende sind gezwungen sich permanent untereinander oder bei der Führungskraft rückzuversichern.

Eine gezielte Einarbeitung neuer Teammitglieder ist nahezu unmöglich bzw. führt zu hohen Belastungen des bestehenden Personal, weil Kenntnisse und Erfahrungen wie vor Jahrtausenden mündlich überliefert werden. Das Team hängt am Tropf der individuellen Performance einzelner Knowhow-Träger und deren Inselwissen. Wandern diese ab, geht dieses Wissen „über Nacht“ verloren.

Verantwortung wird hin und her geschoben und gerne auch von unerfahrenen Führungskräften in das Team delegiert – „Ihr seid doch erwachsen, organisiert Euch selbst und stimmt Euch untereinander ab!“

Gerade wenn Mitarbeitende aufgrund ihrer fachlichen Expertise zur Führungskraft ernannt werden und nicht ausreichend begleitet werden, ist dies der Fall. Genauso wie fachliche Expertise fällt Kompetenz im klassischen und modernen Führungsthemen nicht vom Himmel. Ja, es gibt Naturbegabungen, aber diese sind die Ausnahme. Führung kann man lernen. Führungskräfte müssen nicht verschlissen werden. Keine Führungskraft steht morgens auf und sagt sich: Heute koste ich meine Defizite mal so richtig aus.

In meiner Begleitung von Führungskräften ist die „Ohnmacht-und-Verzweiflung-unter-Tränen-Quote“ in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Gleichzeitig hat die Anzahl der Entwicklungsformate für Führungskräfte zugenommen. Was sagt Ihnen das?

D. Performing (Leistungsphase)

Was passiert in funktionalen Teams? Das Team läuft wie eine gut geölte Maschine. Man arbeitet Hand in Hand, ist flexibel und löst Probleme konstruktiv. Synergieeffekte (1+1=3) treten ein. Das Team steuert sich in weiten Teilen selbst. Die Aufgaben der Führungskraft verlagern sich zunehmen auf strategische Themen und Zukunftsszenarien. Zielerreichung und Effektivität stehen im Fokus.

Die Pathologie dysfunktionaler Teams: In diesen Teams neigen Individuen dazu, ihre Leistung bewusst oder unbewusst zu reduzieren, weil sie denken: „Die anderen machen das schon.“ bzw. „Warum soll gerade ich, Feuerwehrmann/ -frau spielen“. Die Leistungsbereitschaft sinkt ebenso wie das Sinnerleben am Arbeitsplatz. Das Team versumpft in der Mittelmäßigkeit oder Unterklassigkeit.

E. Adjourning (Auflösungsphase)

Diese Phase hat Tuckman mit Blick auf bspw. Projektteams ergänzt. Das funktionale Team löst sich auf. Dokumentiert vorab die Ergebnisse und verabschiedet sich unter Würdigung der Leistung voneinander.

Die Pathologie dysfunktionaler Teams: Verdiente Mitarbeitende und ihr Knowhow wandern ab. Der Versuch diese Verluste durch neue Mitarbeitende aufzufangen, scheitert zunehmend, da der Wissensaufbau schlichtweg Zeit braucht und der schlaue Mitarbeitende weit vorher das Weite gesucht hat.

Kennziffern, die die Underperformance des Teams faktisch belegen und Untersuchungsergebnisse, die Ursache-Wirkungsbeziehungen klar aufzeigen, werden mit hohem Aufwand verschleiert. Individuelle Befindlichkeiten werden vorneangestellt, denn das dysfunktionale System muss bis zuletzt auf Gedeih und Verderb beteiligt werden.

Die Lösung

Die Lösung ist denkbar einfach und in allen Fällen in unter 6 Monaten umgesetzt. Um ein dysfunktionales Team zu transformieren, bedarf es mehr als eines netten Wochenendes im Klettergarten.

  1. Grundvoraussetzung: Es braucht „Eier auf Entscheiderebene“, um den Prozess anzustoßen und den Rücken zu stärken, denn eines ist systemimmanent für dysfunktionale Teams: egal wie hoch der Leidensdruck ist – die Widerstände gegen eine zielorientierte Entwicklung werden im ersten Moment massiv sein, denn sie stellen Prinzipien, die jahrelang gelernt und tradiert wurden in Frage.

Um im System überlebensfähig zu sein, musste man dieses System im eigenen Kopf bis zur Selbstverleugnung permanent rechtfertigen und mittels Flurfunkt und Gruppenbildung Ventile schaffen. Ein dysfunktionales Team zeichnet sich immer – neutral formulierte – durch eine massive informelle Kommunikation und einen permanenten sozialen Abgleich aus. Ohne ein „Wir-gehen-jetzt-in-die-Umsetzung“ und ein „Nein-das-wird-nicht-ausgesessen“ – kein Erfolg!

  1. Nebenbedingung: Ein Störfeuer externer Stakeholder aus der zweiten Reihe muss ausgeschlossen werden. Ein dysfunktionales System wird immer versuchen Eigeninteressen durch Meinungsträger aus dem Außen zu verteidigen und hier Bestätigung zu suchen.

3. Führung im Fadenkreuz. Architekten oder Saboteure der Teamleistung

Ein dysfunktionales Team ist oft das Spiegelbild eines spezifischen Führungsverhaltens. In der Folge gehe ich auf den Faktor Führung ein und beleuchte die fatalen Auswirkungen. Wenn ein Team scheitert, lassen sich die Ursachen meist direkt auf das Verhalten der Leitung zurückführen. Hier ist das Modell der fünf Dysfunktionen, übersetzt in Führungshandeln:

Dysfunktion Führungsfehler (Ursache) Praxisbeispiel
Fehlendes Vertrauen Die Führungskraft zeigt keine Schwäche und verlangt Perfektion. Ein Manager gibt niemals eigene Fehler zu. Das Team lernt: „Fehler sind gefährlich“, und beginnt, Probleme zu vertuschen.
Angst vor Konflikten Die Führungskraft verwechselt Harmonie mit Effizienz und bügelt Widerspruch ab.
Die Führungskraft verwechselt die „offene Tür“ mit Nähe zum Team und aktiver Steuerung
In Meetings werden kritische Stimmen mit „Wir wollen doch konstruktiv bleiben“ im Keim erstickt. Relevante Sachkonflikte schwelen im Untergrund und eskalieren Stufe für Stufe.
Die offene Tür ist Floskel und Ausdruck einer „Kommt-doch-wenn-Ihr-was-habt Passivität“.
Mangelndes Commitment Entscheidungen werden „top-down“ ohne echte Konsultation durchgedrückt.
Die Führungskraft ist weder Entscheider noch Lenker.
Die Führungskraft entscheidet allein. Das Team nickt zwar, fühlt sich aber nicht verantwortlich.
Die Führungskraft entscheidet nicht und delegiert Entscheidungen in das Team.
Vermeidung von Verantwortung Die Führungskraft interveniert nicht bei Minderleistung, um „nett“ zu wirken. Ein Teammitglied liefert ständig zu spät. Die Führungskraft sagt nichts, und die High-Performer resignieren frustriert.
Ego statt Resultat Die Führungskraft nutzt das Team zur Selbstinszenierung oder für die eigene Karriere. Der Leader feiert Erfolge als sein Verdienst, schiebt Misserfolge aber auf die „unfähigen“ Mitarbeiter.
Operativ statt strategisch Die Führungskraft verkommt zu ihrem besten Mitarbeitenden Die Führungskraft sucht Bestätigung in der operativen Arbeit und begründet dies damit, das Team unterstützen zu müssen. Führungsthemen bleiben auf der Strecke.
Flucht in andere Themen Die Führungskraft ist nicht präsent. Außentermine für Gremienarbeit, Weiterbildungen, usw. nehmen zunehmend Raum ein.

Die Auswirkungen

Ein dysfunktionales Team verändert die Rolle der Führungskraft radikal zum Negativen. Aus strategischer Leitung wird reaktives Krisenmanagement – oder Ohnmacht.

  • Der „Feuerwehr-Modus“: Da kein Vertrauen herrscht und Informationen unterschlagen werden, muss die Führungskraft ständig Brände löschen, die bei transparenter Kommunikation nie entstanden wären.
  • Mikromanagement als Überlebensstrategie: Wenn die Verantwortlichkeit im Team fehlt, fühlt sich die Führungskraft gezwungen, jedes Detail zu kontrollieren. Dies führt zu einem Teufelskreis aus Kontrollzwang und demotivierten Mitarbeitern.
  • Erosion der Autorität: Eine Führungskraft, die Konflikte scheut oder keine klaren Leitplanken setzt, verliert den Respekt der Mitarbeitenden. Das informelle Machtgefüge verschiebt sich hin zu „Alphatieren“ im Team.
  • Burnout-Risiko: Die psychische Last, ein dysfunktionales System allein zusammenhalten zu müssen, führt bei Führungskräften häufig zu emotionaler Erschöpfung.

4. Die Heilung: So transformieren Sie dysfunktionale Teams nachhaltig

Ein dysfunktionales Team ist kein Schicksal, sondern ein Systemfehler. Wenn das Vertrauen erodiert ist und die Performance sinkt, erfordert die Heilung eine präzise Diagnose, einen mentalen Reset und eine radikale Neuausrichtung der Zusammenarbeit.

Dieser Leitfaden zeigt Ihnen den evidenzbasierten Weg aus der Krise – kritisch und praxisnah für Entscheider.

Die Teamdiagnose: Den Schmerzpunkt präzise finden

Bevor therapiert wird, muss geröntgt werden. Eine oberflächliche Einschätzung („Die Stimmung ist schlecht“) reicht nicht aus. Eine professionelle Teamdiagnose muss auf zwei Ebenen stattfinden:

Quantitative Analyse (Daten & Fakten)

  • Messgrößen: Arbeitsbedingungen, Führung, Resilienz (Schwerpunkte: Psychologische Sicherheit, Klarheit der Rollen, Zielidentifikation und Konfliktfähigkeit).
  • Wichtig: Die Befragung muss anonym erfolgen, um ehrliche Daten in einem unsicheren Umfeld zu erhalten.

Qualitative Analyse (Das „Warum“)

Einzelinterviews oder moderierte Fokusgruppen durch externe Berater sind ein Muss. Im Fokus stehen:

  • Beobachtung von Interaktionsmustern: Wer spricht mit wem? Wer schweigt? Wer unterbricht?
  • Schatten-IT der Kommunikation: Wo entstehen informelle Machtstrukturen, die die offizielle Führung untergraben?

Der Mindset-Shift: Was in den Köpfen passieren muss

Heilung beginnt nicht mit neuen Prozessen, sondern mit einer Veränderung der inneren Haltung. Ohne diesen psychologischen Umschwung bleibt jede Maßnahme Kosmetik.

  • Vom „Fingerpointing“ zur Systemverantwortung: Jedes Teammitglied muss verstehen: Ich bin nicht nur Opfer der Situation, sondern Teil des Systems, das sie aufrechterhält. Der Fokus verschiebt sich von „Wer ist schuld?“ zu „Welchen Beitrag leiste ich zum Problem?“ und „Wie trage ich konkret zur Lösung bei?“
  • Das Ende der Machtlosigkeit (Führung): Heilung erfordert die Erkenntnis: Ich kann dieses Team nicht allein reparieren, aber richtig begleitet werde ich handlungsfähig.
  • Akzeptanz von Reibung: Das Team muss begreifen, dass Harmonie oft der Feind von Fortschritt ist. Ein gesundes Team streitet – aber produktiv.

Der 5-Schritte-Plan zur gemeinsamen Heilung

Hier arbeiten Führungskraft und Team auf Augenhöhe zusammen. Dieser Prozess ist oft schmerzhaft, aber alternativlos.

  1. Die „Radikale Wahrheit“ (Offenlegung): In moderierten Workshops werden die Diagnoseergebnisse präsentiert. Alle Karten kommen auf den Tisch. Das Ziel: Ein gemeinsames Verständnis der Realität schaffen.
  2. Vulnerability-Offensive: Die Führungskraft geht voran und benennt eigene Fehler und Defizite. Dies senkt die Barriere für andere, ebenfalls Masken fallen zu lassen.
  3. Definition der „Rules of Engagement“: Das Team erarbeitet verbindliche Verhaltensregeln. Beispiel: „Wir kritisieren Ideen, keine Personen“ oder „Nach einer Entscheidung ziehen alle an einem Strang, auch die Skeptiker.“
  4. Konflikt-Training: Simulation von Sachkonflikten. Das Team lernt, wie man hart in der Sache, aber wertschätzend zum Menschen debattiert.
  5. Micro-Wins and Accountability: Kleine, messbare Ziele werden gesetzt. Das Team kontrolliert sich gegenseitig (Peer-to-Peer Accountability), statt alles an die Führungskraft zu delegieren.

Kritische Bilanz: Was funktioniert – und was nicht?

In der Praxis scheitern viele Heilungsversuche an falschem Optimismus, mangelnder Konsequenz – und inkompetenter externer Begleitung.

Was funktioniert (The „Healers“):

  • Externe Moderation: Ein neutraler Dritter kann blinde Flecken aufzeigen, die das Team selbst nicht mehr sieht. Der Moderator darf kein „Weichspüler“ sein. Er muss „Fleckenteufel“ sein.
  • Kontinuität: Teamentwicklung ist kein Event, sondern ein Prozess. Regelmäßige Check-ins (z.B. monatliche Retrospektiven) sind essenziell.

Was nicht funktioniert (The „Killers“):

  • Alibi-Events: Ein gemeinsames Abendessen oder Bowling heilt keine tiefsitzenden Vertrauenskrisen. Alibi-Veranstaltungen gab es in der Vergangenheit sicherlich genug. Ernsthaftigkeit ist die Devise.
  • Top-Down-Verordnungen: „Ab morgen vertrauen wir uns!“ funktioniert nicht. Vertrauen ist eine Folge von Erfahrung, kein Befehl.
  • Das Ignorieren von „toxischen High-Performern“: Wenn eine Person fachlich brillant, aber menschlich destruktiv ist und die Führungskraft nicht konsequent handelt, ist jede Teamentwicklung zum Scheitern verurteilt. Konsequentes Handeln ist ab morgen ein Muss.
  • Führungswechsel ohne Kulturwechsel: Eine neue Führungskraft in ein altes, krankes System zu werfen, führt meist nur dazu, dass die neue Kraft nach sechs Monaten ebenfalls frustriert aufgibt.

Fazit

Die Heilung eines dysfunktionalen Teams ist Schwerstarbeit am Betriebssystem der Zusammenarbeit und gehört in erfahrene Hände. Es erfordert den Mut der Führungskraft, die Kontrolle abzugeben, und die Bereitschaft des Teams, aus der Opferrolle auszusteigen. Wenn der Prozess jedoch gelingt, ist die resultierende Performance-Steigerung oft exponentiell.

Dysfunktionale Teams